UNESCO-Welterbe-Titel ade! (Ein launischer Kommentar)
Erst zum zweiten Mal in der Geschichte des UNESCO-Welterbes ist es einer Region gelungen, diesen Titel wieder zu verlieren - nicht etwa einer bitterarmen Region in Afrika oder Südasien, die sich die mit dem Schutz und der Erhaltung verbundenen Kosten nicht mehr leisten konnte, sondern der Stadt Dresden. Diese Blamage ist wohlverdient, denn nicht nur den Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft, sondern auch der Mehrheit der Bürger war eine Verkehrsbrücke mit dem Charme einer Eisenbahnbrücke von 1890 inmitten des landschaftlich herrlichen Elbtales wichtiger als der Welterbetitel. Während man in den anderen Welterbe-Regionen auf diesen Titel überaus stolz ist und bereit ist, für seinen Erhalt auch schmerzliche Kompromisse einzugehen, sparten die Dresdner nicht mit abfälligen Bemerkungen und steigerten sich gar in einen Hass gegen diesen Titel hinein, weil er der begehrten neuen Brücke im Wege stand (wie es der Autor dieser Zeilen angefangen in seinem Verwandten- und Bekanntenkreis bis hin zu den öffentlichen Foren und Medien erleben musste). Eine Region, in der man seinen Kultur- und Naturreichtümern derart geringschätzig begegnet, hat den Welterbetitel wahrlich nicht verdient und sollte von einer Neubeantragung auch tunlichst Abstand nehmen.
Was Dresden dringend braucht, ist weder eine Brücke noch eine Tunnellösung im Elbtal, sondern eine umfassende Verkehrsberuhigung in der gesamten Innenstadt, der massive Rückbau und die Begrünung der Verkehrsflächen, die Förderung und Verbilligung der öffentlichen Verkehrsmittel sowie der Bau von Garagen für die Stadtbewohner und von Parkplätzen für die Besucher Dresdens am Stadtrand mit Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel statt Autostellplätze und immer neue Tiefgaragen in der Innenstadt. Dort sollten höchstens noch Fahrzeuge mit Sondergenehmigung (Lieferfahrzeuge, Taxis ...) geduldet sein - und vielleicht noch Autofahrer, die bereit sind, eine sehr hohe Maut zu bezahlen als Entschädigung für die von ihnen verursachte Beeinträchtigung der Lebensqualität der Stadtbewohner und ihrer Gäste. Diese Gebühr muss dann selbstverständlich in den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel fließen.
Wie in Deutschland und besonders im "Automobilland" Sachsen nicht anders zu erwarten, haben sich in Dresden wieder einmal Wirtschaft und Verkehr gegenüber Kultur, Natur und Tourismus sowie Gesundheit und Lebensqualität der Einwohner der Stadt und ihrer Besucher durchgesetzt. Durch Straßenausbauten und neue Verkehrsbauten wie der Waldschlösschenbrücke und immer neue Tiefgaragen in der Innenstadt wird mehr und mehr Verkehr angezogen. Die Stadt wird immer attraktiver für den Autoverkehr - eine fatale Entwicklung. Die Folge sind Lärm, Abgase und Staub, immer mehr mit Autos befahrene und zugestellte Stadtflächen, im Verkehrsgewühl feststeckende Straßenbahnen und Busse, eine ständige nervliche Belastung für Verkehrsteilnehmer und Fußgänger, eine ständige Bedrohung für Leib und Leben nicht nur der Kinder und alten Menschen als schwächste Verkehrsteilnehmer, sondern nicht zuletzt auch der Touristen, die sich beim Besichtigen und Fotografieren der Sehenswürdigkeiten durch den fließenden Verkehr schlängeln müssen und sich wahrscheinlich schwören, so schnell nicht mehr wieder zu kommen (ganz zu schweigen davon, dass sie auf ihren Fotografien die Sehenswürdigkeiten vor lauter Automobilen nicht sehen, was auch der Autor dieses Reiseführers in vielen sächsischen Städten erfahren musste).
Die öffentlichen Verkehrsmittel werden dagegen immer teurer und für immer mehr Menschen unerschwinglich. Jeder innerstädtische Fahrpreis, der einen Euro übersteigt, ist eine Zumutung - in Wirklichkeit liegt er aber um ein Vielfaches höher. Immer häufiger passiert es, dass "Schwarzfahrer", die mehrmals aufgegriffen werden, aber als Sozialschwache die Strafe nicht bezahlen können, monatelang ins Gefängnis gesteckt werden (sogar Frauen kurz nach der Entbindung, sodass sich der völlig überforderte Ehemann allein um das Neugeborene kümmern muss, wie unlängst in der Zeitung zu lesen war - einfach unglaublich!), während Konzernbosse trotz Millionenhinterziehung mit Bewährungsstrafen davon kommen - wahrlich ein Skandal, der die für soziale Schichten getrennte Rechtssprechung in unserer Gesellschaft ans Licht bringt. Nicht zuletzt finanziert unsere Gesellschaft lieber teure Gefängnisplätze als für jedermann erschwingliche Fahrpreise.
Der Straßenverkehr und die damit verbundenen Bereiche (Mineralölwirtschaft, Straßenbau, Automobilindustrie u.a.) sind jedoch gewaltige Profitmaschinen und Arbeitsplatzbringer, vor denen Kultur, Soziales und Naturerhaltung, die kaum Gewinn abwerfen, und Kategorien wie die Lebensqualität der Menschen, die sich nicht in Euro und Cent ausdrücken lassen, zurückstehen müssen. Und so werden auch weiterhin bequeme Zeitgenossen, anstatt einmal die Füße oder das Fahrrad zu benutzen oder sich in die öffentlichen Verkehrsmittel zu begeben, mit großzügiger Unterstützung durch die Stadtplaner und Verkehrsverantwortlichen und auf Kosten ihrer Mitmenschen die Stadtluft mit Abgasen, Staub und Lärm verpesten, die eigentlich als städtische Lebens-, Arbeits- und Erholungsbereiche gedachten Flächen befahren und zustellen, Radfahrer und Fußgänger psychisch und physisch bedrohen, alljährlich vor allem Kindern und alten Menschen, den schwächsten unter den erzwungenen Verkehrsteilnehmern, die Gesundheit und sogar das Leben rauben, das Stadtbild verschandeln, und alles nur, um jeden Punkt der Stadt bequem im eigenen Auto erreichen zu können, und alles nahezu gratis! Die Stadt ist ein Lebensraum für Menschen und deren Lebensqualität erschöpft sich nicht im bequemen Einkaufen! Wann wird sich diese Erkenntnis durchsetzen, wann werden unsere Städte autofrei?
Das Hochwasser im August 2002 war eine schlimme Katastrophe für die Stadt und alle Betroffenen, aber für den Autor dieser Zeilen war es doch erhebend mit anzusehen, wie die Menschen die sonst lärm-, dreck- und abgasgefüllten, doch nun plötzlich leeren, stillen Straßen der Dresdner Friedrichstadt für sich in Anspruch nahmen, wie sich vollkommen fremde Menschen spontan mitten auf den Straßen zusammensetzten, Würstchen grillten und Wein tranken, Musik hörten, die Kinder auf den Fahrbahnen spielten, und alles in einer ruhigen, entspannten Atmosphäre. Für einen kurzen Moment zeigte sich, wie sich eine Stadt ohne den täglichen automobilen Wahnsinn anfühlen könnte.
Wohin eine Politik führt, die stets nur die Wirtschaftsinteressen im Blickfeld hat und darüber die Menschen vergisst - deren Lebensbedürfnisse, zu denen vor allem eine lebenswerte und gesunde Umwelt gehört und nicht etwa der alltägliche Konsum-Wahnsinn - ist an der heutigen Finanz- und Wirtschaftkrise, deren schlimmste Auswirkungen uns erst noch bevorstehen, deutlich abzulesen. Die Geschehnisse um die Waldschlösschenbrücke zeigen als kleines, aber charakteristisches Beispiel, wie in unserem Land alle Wertmaßstäbe auf dem Kopf stehen. Wir benötigen eine Gesellschaftsordnung, in der endlich der Mensch mit seinen Lebensbedürfnissen und allem, was seine Lebensqualität ausmacht, im Mittelpunkt aller Entscheidungen steht. Wie lange wollen wir noch warten?
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